Heute feiern wir den ersten Ü-20 Gottesdienst. Das hat den großen Vorteil, dass wir nicht mit den „Kleinen“ zusammen im Jugendgottesdienst sitzen. Wir können über unsere Themen sprechen und müssen uns keine Sorgen machen, dass alles jugendfrei ist.

Deshalb kann ich jetzt auch dieses Buch auspacken, aus dem ich heute vorlesen will: Janosch, „Oh, wie schön ist Panama“ – das ist mir eingefallen zum Titel dieses Gottesdienstes. „Ich habe Fernweh“. Vermutlich hat es auch bei einigen von euch im Schrank gestanden.

„Es waren einmal ein kleiner Bär und ein kleiner, Tiger, die lebten unten am Fluß. Dort wo der Rauch aufsteigt, neben dem großen Baum. Und sie hatten auch ein Boot. Sie wohnten in einem kleinen gemütlichen Haus mit Schornstein.“
Der kleine Bär und der kleine Tiger sind Freunde. Deshalb brauchen sie sich vor nichts zu fürchten. Denn zusammen sind sie wunderbar stark. Eigentlich fehlt ihnen nichts und sie sind glücklich und zufrieden in ihrem Haus. Ja – bis eines Tages eine Kiste im Fluss vorbeitreibt. “Der kleine Bär fischte die Kiste aus dem Wasser, schnupperte und sagte: ‚Oooh … Bana- nen.‘ Die Kiste roch nämlich nach Bananen. Und was stand auf der Kiste geschrieben? ‚Pa- na-ma‘, las der kleine Bär. ‚Die Kiste kommt aus Panama, und Panama riecht nach Bananen. Oh, Panama ist das Land meiner Träume‘, sagte der kleine Bär. Er lief nach Hause und er- zählte dem kleinen Tiger bis spät in die Nacht hinein von Panama.“

Als der Janosch das Buch geschrieben hat, war das mit den Steuerschlupflöchern noch kein Thema. Nein, was Janosch hier erzählt, ist die Geburt des Fernwehs bei dem kleinen Bären und bei dem kleinen Tiger.
Ich weiß nicht wie es euch geht mit dem Fernweh, aber bei mir ist das ziemlich ausgeprägt. Wahrscheinlich hängt das auch mit meiner DDR-Ghetto-Sozialisation zusammen. Im Moment ist es der Mount Stanley, der für mich so ganz sehr nach Bananen riecht. Wo ich, so bilde ich mir ein, unbedingt hin muss. Mount Stanley im Ruwenzori-Gebirge ist der dritthöchste Gipfel Afrikas. Ein – immer noch – vergletscherter Fünftausender, gerade mal 40 km entfernt vom Äquator, mitten in den Regenwäldern zwischen Uganda und dem Kongo. Der begeistert mich gerade. Aber erzählt das bitte nicht dem Pierre dort drüben. Der glaubt nämlich noch, wir ge- hen gemeinsam auf den Pik Lenin in Kirgistan.

Bär und Tiger im Buch bauen sich einen Wegweiser und stellen ihn auf. Da steht drauf Pana- ma. Sie nehmen eine Angel, einen Topf und einen Hut und machen sich auf den Weg. Und relativ schnell wird uns Großen beim Lesen klar: Die Geschichte erzählt von mehr als nur der Sehnsucht nach einem anderen Ort. Bär und Tiger haben Sehnsucht nach einem anderen Le- 1

ben. Sie haben Fernweh, weil ihr bisheriges Leben in ihrem kleinen Haus sie nicht mehr aus- füllt. Sie nicht mehr glücklich macht. Alltag eben. Nett. Sie müssen sich keine großen Sorgen machen. Es ist langweilig geworden. Es muss doch mehr und anderes geben. Da kommt diese Kiste vorbei geschwommen.

Ich glaube, diese Art Fernweh nach einem anderen Leben haben viele Menschen. Wahr- scheinlich hat das jeder schon mehrfach so als neidvollen, sehnsüchtigen Schmerz in der Herzgegend gespürt. Oder?
Andere, die haben so einen tollen Freundeskreis. So coole Leute. Und viele. Die sind ständig zu einer Party eingeladen. Die sitzen immerzu mit jemandem im Café und quatschen wahn- sinnig angeregt miteinander. Ich hab die eine Freundin, die mir immer nur von ihren Proble- men erzählt. Und den einen Freund, bei dem ich immer Angst habe, dass er gleich einschläft vor Langweiligkeit. Irgendwie muss das ja an mir liegen.

Andere haben so eine gutaussehende Freundin. An so eine Frau komme ich nie ran. (An der Stelle sage ich jetzt ganz ausdrücklich: das ist nicht mein Problem. Ich war der mit den Ber- gen, ihr erinnert euch). Gilt natürlich auch umgekehrt: Andere habe so einen tollen Typen. Wenn so einer vor mir steht, fühl ich mich immer wie Aschenputtel.

Oder: Andere denkst du vielleicht – haben ihren Platz, ihre Aufgabe im Leben gefunden. Die sind ausgefüllt. Zufrieden mit sich und ihrer Umwelt. Und ich irre immer noch irgendwie ziel- los durchs Leben. Ich hab mein Studium, meinen Beruf, meinen Platz noch nicht gefunden und weiß auch nicht so richtig, wie ich das machen soll. Was mache ich denn verkehrt?

Oder auch: Andere sind so sicher in ihrem Glauben. Die haben scheinbar keinerlei Zweifel. Die können ganz fest daran glauben, dass Gott sie hört, wenn sie beten. Und dass Gott auf sie aufpasst, wenn sie ihn darum bitten. Ich quäle mich immer mit Zweifeln rum. Ich kann das so nicht glauben. Aber ich würde gerne. Die, die das können, wirken oft viel glücklicher. Fernweh, Sehnsucht nach einem anderen Leben. Die Sehnsucht ein anderer zu sein. – Wollen mal sehen, was der kleine Bär und der kleine Tiger dazu zu sagen haben. Alle die, die das Buch selbst lesen wollen, müssen sich jetzt die Ohren zuhalten. Ich werde jetzt spoilern:

Bär und Tiger sind also unterwegs in Richtung Panama. Immer wieder wissen sie nicht wei- ter. Sie treffen einen Fuchs, eine Kuh und eine Maus, keiner weiß wo Panama ist. Dann be- gegnen sie einer Krähe, und die kann ihnen weiterhelfen. Schließlich finden sie einen umge- stürzten Wegweiser. Und was steht da drauf? Panama! Sie sind angekommen. In Panama gibt es ein kleines Haus mit Schornstein, einen Baum, einen Fluss mit einem Boot am Ufer. Es ist alles so romantisch zugewuchert. Panama ist wundervoll. Hat jetzt schon jemand erraten, was passiert ist … ?

Ich verrate es. Ganz genau. Sie sind in ihrem eigenen Haus wieder angekommen. Natürlich sind sie auf ihrer Reise andere geworden. Das verrät Janosch jetzt aber nicht. Das müssen wir uns selber denken. Sie sind dem Fuchs, der Maus, der Kuh und der Krähe begegnet. und sie haben Erfahrungen mit sich selbst gemacht. Das eigene Leben, in dem sie zuletzt wieder an- kommen, ist ein anderes und neues Leben. Klingt faszinierend oder. Und da hat Janosch si- cher recht: Wer sich nicht auf den Weg macht, kommt auch nirgendwo an. Ganz bestimmt nicht in einem reichen und erfüllten Leben. Wer nur bei sich bleibt und neue Begegnungen scheut, der ist irgendwann lebendig tot. Also auf in ein neues Leben!

Wahrscheinlich haben sich Generationen von Kindern auf den Spuren von Bär und Tiger auf den Weg gemacht. Also später dann, als sie älter waren, jugendlich oder erwachsen. Und sehr wahrscheinlich haben sie bald festgestellt: So einfach ist das leider gar nicht mit dem anderen Leben. Egal, wo ich hingehe, ich nehme mich selbst immer mit. Da habe ich die Freundin, die immer nur von sich selbst erzählt, abserviert, und den Freund, der vor Langweiligkeit fast einschläft. Aber die tollen Freunde stehen jetzt nicht gerade Schlange. Oder die aufregende Frau, der tolle Typ, der mein Leben ganz aufregend macht. Den richtigen Platz im Leben fin- de ich nicht einfach, indem ich beschließe: jetzt bin ich da. Und die Zweifel im Glauben las- sen sich nicht ohne weiteres wegbeten. Egal, was ich mache, wohin ich gehe, mit wem ich mein Leben teile – ich nehme mich selbst immer mit.

Das Fernweh in uns ist wahrscheinlich nie ganz zu stillen. Der Prediger Salomo im Alten Tes- tament spricht davon, dass Gott dem Menschen die Ewigkeit ins Herz gelegt hat (Koh 3,13). Also die Ahnung davon, dass er nicht zufällig in dieser Welt ist. Und die Sehnsucht nach ei- nem Ziel, zu dem er unterwegs ist.

Mir ist ein Satz von Angelus Silesius sehr wichtig geworden. Angelus Silesius war ein from- mer Dichter der Barockzeit und ein Mystiker. Kennt kaum einer, aber der hat viele gute Sa- chen gesagt, über die man lange meditieren kann. Einer dieser Sätze heißt:
„In jedem Menschen ist ein Bild, des der er werden soll. Solang er das nicht ist, ist nicht sein Friede voll.“ (2x) Angelus Silesius meint, dass in jedem von uns ein ganz eigenes, ganz be- sonderes Potential steckt. Ganz speziell und unverwechselbar. In jedem von uns sind Ent- wicklungsmöglichkeiten und Chancen angelegt, die wir ergreifen oder brach liegen lassen können. In jedem von uns ist ein Bild, das Gott sich von uns gemacht hat. Das dumme ist, dass wir das nicht einfach sehen können. Dass es gut verborgen ist. Das gute: wir haben ein ganzes Leben lang Zeit, uns diesem Bild anzunähern. Ein ganzes Leben, um unserer Sehn- sucht nach diesem Bild zu folgen, nachzugehen, nachzuspüren.

Und wie mache ich das? Wie bleibe ich da auf der Spur. Ich bin mir ganz sicher: Wenn es um das Bild geht, das Gott sich von mir gemacht hat, dann ist das Allerwichtigste, an diesem Gott dran zu bleiben, mit diesem Gott in Verbindung zu bleiben. Sonst werde ich alles Mögliche in mir finden – und sicher auch manches Gute und Wertvolle – aber niemals dieses Bild.

Bleibe mit Gott in Verbindung. Bleibe mit Menschen in Verbindung, die auch nach Gott und diesem Bild in sich auf der Suche sind. Halte dich zu einer Gemeinde, einer JG, einem Haus- kreis, was auch immer. Und gib das Suchen nicht auf. Suche solange, bis du das gefunden hast, was für dich passt. Wo du weiterkommst und wo du Antworten findest. Nicht die end- gültigen Antworten, aber solche, die dich weiterbringen in Richtung auf dein Bild. Bleib in Verbindung mit der Bibel. Dann wird es immer wieder Worte geben, die dich treffen, die dich begleiten, die dich verwandeln. Die dein Fernweh stillen und gleichzeitig lebendig halten. Fernweh – meine Erfahrung ist, dass im Letzten nur Gott mir hilft, in meinem Leben anzu- kommen. Amen.

Johannes Markert