Wir haben es geschafft. Die trüben Tage des Novembers sind vorbei. Immer mehr Lichter
erhellen unsere Straßen und Häuser. Tannenzweige, Lichterketten, Engel, Glühwein. Die
Winterdepression lässt hoffentlich nach. Wer im letzten Jugo dabei war, wird sich vielleicht
erinnern, „es ist alles eine Frage der Haltung.“ Es ist Advent, der zweite heute schon.
Adventszeit ist eine Vorbereitungszeit. Wir warten darauf, dass Jesus in die Welt kommt.
Auch 2016.

Geburtshilfe für Anfänger ist der Titel dieses Jugendgottesdienstes. Ein langer Weg sich auf
dieses Thema zu einigen. Als ich in die JG kam, gab es zwei Lager. Die einen, die einmal
einen Gottesdienst feiern wollten, indem sie ehrlich sagen, wie verkommen das
Weihnachtsfest in unserer Gesellschaft ist und bloß keine Friede-Freude-Eierkuchen-
Predigt soll ich halten. „Lasst uns lieber erzählen, wie dramatisch und ehrlich verzweifelt
diese Geburtsgeschichte von Jesus war“. Und dann gab es die andere Fraktion, die so gerne
einen besinnlichen Adventsgottesdienst feiern wollte mit Licht und Liebe, – vielleicht mit
dem Thema Stern oder der Ankunft des Friedensfürsten. Ihr merkt ich übertreibe…, aber
nur ein bisschen.
Eine Frage war dann aber allen gemeinsam. Was von dieser alten Weihnachtsgeschichte ist
heute noch wichtig. Wie kann die Geburt Jesu 2016 vorbereitet werden. Hier in Leipzig. In
unserer Jugendkirche. In uns.
Schlagen wir euch also vor, haben wir uns überlegt, darüber nachzudenken, wie ihr die
Geburt Jesu heute vorbereiten könnt. Ihr alle als Geburtshelfer.
Ein paar bekannte Beispiele der Geburtshilfe aus der Vergangenheit haben wir gesehen.
Maria hilft Jesus auf die Welt, indem sie dem Engel vertraut und indem sie sich ganz Gott
zuwendet.
Und Josef, der arme Kerl. Ich finde immer, er wird gar nicht doll genug gelobt. Er hat seine
Sache doch wirklich gut gemacht. Dass er daran denkt, Maria heimlich zu verlassen, kann
ich aus heutiger Sicht richtig gut verstehen. Ich habe mich oft genug gefragt, ob ich wohl
auch so mutig wäre. Von meiner Eifersucht in solch einer Situation will ich gar nicht reden. 2
Und zum Schluss der Wirt. Eine erfundene Figur der Weihnachtsgeschichte, die trotzdem in
keinem Krippenspiel fehlen darf. Warum brauchen wir diesen Wirt, manchmal auch die
Wirtin. Ich glaube sie rührt uns, hier spüren wir die ganze Herzlosigkeit der Welt – und
gleichzeitig erleben wir den erlösenden Rest Menschlichkeit ganz am Ende? Ein Herz lässt
sich erweichen. Wir hoffen nicht umsonst. Der Wirt öffnet den Stall aus Nächstenliebe.
Heute in diesem Jugo interessiert mich etwas anderes.
Ich behaupte, dass wir als Geburtshelfer Jesu auch heute noch nötig sind. Und weiter
behaupte ich, dass die Adventszeit eine besonders geeignete Zeit für uns ist darüber
nachzudenken, was wir wohl tun müssten, damit Jesus auch 2016 in unserer Mitte
ankommen kann. So verstehe ich uns als moderne Geburtshelfer. Wir sind Menschen, die
die Ankunft Jesu in unserer Welt vorbereiten.
Aber wie kann das gehen?
Die Bibel hat im Psalm 24 eine Antwort auf diese Frage für uns. Wir haben bereits davon
gehört und darüber gesungen. „Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch, dass
der König der Ehren einziehe.“
Ich glaube, es sind unterschiedliche Türen gemeint, die wir öffnen sollen. Zum einen gibt es
dort eine Tür zu mir selbst. Ich lebe, lerne, freue und ärgere mich über mich. Ich bin ständig
mit mir zusammen und manchmal spüre ich, bin ich unzufrieden mit mir selbst, möchte ich
gerne anders sein.
Jesus den Weg bereiten, Geburtshilfe leisten, ihm also die Tür öffnen heißt für mich auch:
zu mir selbst stehen und aufpassen, was mir guttut, was ich brauche, dann kann ich ehrlich
durch mein Leben gehen. Veränderung muss bei mir selbst beginnen.
Genauso gibt es aber auch eine Tür zum anderen, zu meinem Gegenüber. Da leben
Menschen miteinander: hier zum Beispiel vor einiger Zeit bei den Tagen des gemeinsamen
Lebens. Aber auch in unserer Stadt ist es bunt und wir sind sehr verschieden. Freunde,
Familie, Geflüchtete und Leipziger, Jugendliche und Senioren leben auf engem Raum. Wir
Menschen gehören zusammen und doch erleben wir manchmal: Diese Gemeinschaft ist
schwierig.

Jesus den Weg bereiten, Geburtshilfe leisten und die Tür öffnen, heißt auch: Sich auf den anderen einlassen, aufeinander zugehen und den anderen herzlich zu begrüßen. Besonders
schön finde ich in diesem Zusammenhang das Bild, das im Orient der Brauch existierte für
Besuch im wahrsten Sinne des Wortes die Tür aus den Angeln zu heben, um den Eingang
besonders groß und frei erscheinen zu lassen. Eine Geste der besonderen Herzlichkeit.
Wann habt ihr für einen anderen das letzte Mal die Tür aus den Angeln gehoben?

Und drittens bleibt die Tür zu Gott, die geöffnet werden will. Gott wünscht sich eine echte
Beziehung zu jedem von uns. Er kennt und liebt uns und sucht immer wieder Kontakt. Gott
den Weg bereiten, ihm Geburtshilfe leisten und die Tür öffnen, heißt vielleicht diese
Beziehung immer wieder zu erneuern. Für mich heißt es auch über Gott zu sprechen. Das
kann öffentlich und laut hörbar geschehen, das kann aber auch ein leises Gebet im Stillen
oder der Blick in die Natur sein.

„Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch, dass der König der Ehren einziehe.“
Advent heißt Ankunft des Herrn. Öffnen wir unsere Türen und geben ihm einen Platz in uns
und bereiten ihm einen Raum in unserer Mitte. Wer es zum Schluss noch ganz praktisch
haben möchte, der kann gleich hier im Jugo mit diesem Türen öffnen beginnen. Beim stillen
Gebet, während ihr eine Kerze anzündet oder euch segnen lasst, beim gemeinsamen
Singen oder im Anschluss beim gemeinsamen Essen, wenn ihr dem Anderen herzlich
begegnet.

AMEN

Marieke Wolf